Pressestimmen

Stani ist dann mal tot
und brilliert als Engel

Neues Programm feiert im Esszimmertheater Premiere

Von Ulrike Florschütz

Scharmede (WV). Als der Paderborner Künstler Stani sein Premierenpublikum begrüßt, steckt er nicht wie üblich in einer grünen Schützenuniform, sondern in einem Engelskostüm aus weißem Nachthemd und Flügeln. ››Ich bin dann mal tot« heißt sein neuestes Soloprogramm.

Während »Engel Stani« live aus dem Himmel berichtet, steigt die Temperatur im ausverkauften Esszimmertheater gnadenlos auf eine Höhe, die locker vermuten lässt, dass gleich nebenan das Fegefeuer lodert. »Freuen Sie sich schon auf Ihren Abgang?«, kommt Stani direkt zur Sache. ››Ist geil hier.« Sekt schwenkend versucht er seinem Publikum die Angst vor dem Tod zu nehmen. Begeistert erzählt er von einem ››Vorengel«, der so etwas wie sein persönlicher Reiseleiter sei und ihm alles zeige. Sogar seine Oma trifft Stani, der eigentlich Michael Greifenberg heißt, in der Canasta-Ecke, wo sie das macht, was-sie schon zu Lebzeiten gemacht hat: betrügen!

Nach seinem Engel-Auftritt wird es etwas seriöser. Stani entledigt sich der Flügel, schlüpft in einen grauen Anzug und verwandelt sein kleines Theater.in den Volkshochschulkursus »Sterben - Aber richtigl« Er rechnet vor, dass wir drei Erden bräuchten, wenn wir unseren Lebensstandard beibehalten und auf die gesamte Menschheit ausdehnen wollten. Natürlich könne man auch seine Ansprüche drastisch einschränken, aber da das niemand wolle, bliebe nur die Möglichkeit, die Weltbevölkerung um zwei Drittel zu reduzieren. Am besten wäre es, wenn man ››den Löffel nachhaltig abgibt«, das heißt, bevor man Kinder produziert habe.

Es folgt ein kurzer AusӾug über Schöpfungsgeschichte, Volkskrankheiten und Insektensterben. Sogar über ein funktionierendes Rentensystem hat Stani sich seine Gedanken gemacht.

Nach einer 40-minütigen Pause verkündet der 65-jährige Künstler, der sich vor vier Jahren einer schwierigen Herz-Operation unterziehen musste, dass er selbst keine Angst vorm Sterben habe. Er wünscht sich eine schöne Beerdigung, auf der ordentlich gefeiert wird und er sich gebührend verabschieden kann. Seinen Grabstein habe er auch schon entworfen.

Zum Schluss der Vorstellung schlüpft Stani dann doch noch in seine Schützenuniform und läuft zur Höchstform auf. Wie er mit westfälischem Zungenschlag über die Beerdigung eines Schützenbruders schwadroniert, ist höchst amüsant und gipfelt in einem Handyklingeln, das ausgerechnet beim Absenken des Sarges in das Grab aus der Jackentasche eines Sargträgers ertönt. Dass als Klingelton ausgerechnet der Gassenhauer »Lebt denn der alte Holzmichel noch« eingestellt war, hat die eigentlich pietätvolle Szene doch empfindlich gestört.

Das Publikum bedankt sich mit einem kräftigen Schlussapplaus für eine ungewöhnliche Vorstellung, die es geschafft hat, ein heikles Thema aus dem Abseits heraus wieder mehr in unsere Mitte zu rücken.

Foto WV 11-6-18

© 2018  Westfälisches Volksbalatt
Paderborner Kultur, Montag 11. Juni 2018

 

 

Sinnieren über die Endlichkeit

Kabarett: Stani stellt sein neues Programm im hauseigenen Wohnzimmertheater vor. Dabei bezieht er Stellung zum Leben vor und nach dem Tod – und wagt auch etwas Besonderes

Von Dietmar Gröbing

Salzkotten-Scharmede. Vor gut vier Jahren stand Stani mit einem Bein im Grab. Eine Aortendissektion brachte ihn dem Tod näher als dem Leben. Das Ganze ging zwar glimpflich aus, hat aber durchaus Nachwirkungen. Eine davon ist seit Freitag auf der Bühne zu sehen. Gemeint ist Stanis neues Programm „Ich bin dann mal tot“.

Sowohl Vergangenheitsbewältigung wie Zukunftsvision ist Stanis mittlerweile neunte Soloshow. Sie kam am Wochenende dreimal zur Aufführung, wobei Stanis Heimstätte, das Theater im Esszimmer (TiEz), bespielt wurde. Rund 140 Menschen erlebten ein morbides Vergnügen, das sich unter anderem Stanis Beerdigung widmete.

Wohl dem, der seine eigene Grabrede halten darf. Noch dazu mit Engelsflügeln. Entsprechend schwerelos fiel die Ansprache aus, möchte Stani doch, dass die Leute „keinesfalls griesgrämig hinter meinem Sarg herlaufen“. Stattdessen sei Feierstimmung angesagt: „Buddelt mich ein und habt Spaß dabei.“ Erst einmal hatten die Menschen allerdings Spaß an einem gelungenen Kabarettabend, denn Stani fand einen leichthändigen Zugang zu einem schweren Thema.

Dabei sind Krankheit, Sterben und Tod das Normalste der Welt. Sie stehen am Ende des Lebens. Doch die Unterhaltungsbranche befasst sich lieber mit dem Anfang. Manchmal auch mit der Mitte. Das reicht Stani nicht. Er wagt den Schritt ins Unbekannte, greift den Dingen vor und ist daher seiner Zeit voraus. Dies macht sein Programm zu etwas Besonderem. Auch, weil Stani im Tod das Leben im Blick behält. Und die Lebenden heftig kritisiert.

Zunächst für ihren gedankenlosen Umgang mit wichtigen Ressourcen. Zuvorderst aber für ihr überlanges Festhalten am Leben. Folge: „Wir sind zu viele. Dennoch will keiner gehen.“ Statt sich einem „schönen Infarkt hinzugeben, lassen wir all unsere Krankheiten reparieren“. Und leben somit immer länger. Doch die Überbevölkerung hat ihren Preis: Es ist nicht genug für alle da.

Folglich müssen wir uns laut Stani „einschränken“. Reduktion ist die Losung der Stunde. Beispielsweise solle man „auf Nachkommen verzichten“. Teilen sei auch eine Möglichkeit. Und abgeben – „am besten den Löffel“. Denn wer in den Himmel kommt, hat es gut. „Totsein ist toll“, meint Stani und benennt die Vorteile des jenseitigen Aufenthalts: „Jede Menge Freigetränke, kostenlose Flugstunden und einvernehmlicher Sex.“

Foto NW 11-6-18

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Lokale Kultur, Montag 28. April 2014